Im Spiegel der Natur

Bei intuitiven Spaziergängen, sogenannten Schwellengängen oder auch Medizinwanderungen in der Natur geht es nicht darum, eine bestimmte Strecke zurückzulegen oder ein Ziel zu erreichen. Du lässt dich treiben, wohin es dich zieht und lässt dich von deinem Gefühl leiten.

Dieses ziellose Umherstreifen mag auf den ersten Blick orientierungs- oder sogar sinnlos erscheinen. Aber es ist genau die Art der Fortbewegung, die Themen ins Bewusstsein bringen kann, wenn wir dabei achtsam sind, was uns begegnet. Wir treten dabei bewusst über eine selbst gewählte Schwelle und öffnen alle Kanäle für unsere lebendige Umwelt.

Wohin es uns zieht, hat mit unserem ganz persönlichen Wahrnehmungsfilter zu tun.

Es ist ziemlich erstaunlich: Von allem, was wir unbewusst über all unsere Sinne pro Sekunde aufnehmen, verarbeiten wir bewusst nur etwa ein 55 Tausendstel. Dieser Filter hat erst einmal einen pragmatischen Nutzen und schützt unser Gehirn vor einer Überflutung an Bildern, Gerüchen, Geräuschen etc. Je nach Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, und je nach Glaubensmustern, die wir über die Jahre entwickelt haben, selektieren wir entsprechenden Details aus der Umwelt. 

Das bedeutet auch, dass jeder Schwellengang einzigartig ist, je nachdem, wer den Weg gegangen ist.

Wichtig ist, mit den gewonnenen Eindrücken weiterzuarbeiten, denn darin liegt ein großes Entwicklungspotenzial. Im ersten Schritt wird die Geschichte des Schwellengangs im Kreis oder auch einem einzelnen Gegenüber ganz einfach erzählt. Was war wichtig und will geteilt werden? Die Art der Bewegung, die Begegnungen mit bestimmten Tieren, Pflanzen oder Naturelementen, die Emotionen und Gedanken auf dem Weg können die eigene Lebenslage oder thematische Fragen sehr gut widerspiegeln. Oftmals sind unsere eigenen Formulierungen mit Metaphern und Symbolen gespickt, ohne dass sie uns selbst auffallen. Ein aufmerksames Gegenüber kann zwischen den Zeilen lauschen und gibt das Gehörte wörtlich oder umformuliert, mit Hinweisen, Betonungen oder Fragestellungen wider. Je nachdem, wie sehr es auf den Punkt trifft, gehen wir damit in Resonanz und gewinnen weitere Erkenntnisse.

Es gibt verschiedene Formen des Spiegelns im Kreis, in der Kleingruppe oder auch im Zweiersetting. Es können einzelne Sätze mündlich oder durch andere Ausdrucksformen spontan aus der Gruppe heraus gespiegelt werden. Klassischerweise geben zwei Personen im Kreis einen ausführlicheren Spiegel und der/die Gespiegelte erhält vielerlei Anregungen zur Auswahl – was davon passt? Was stößt etwas an?

Wir nehmen im Außen das wahr, was für uns bedeutsam ist, und können alle Begegnungen und Empfindungen mit einer aktuellen Fragestellung verknüpfen.

Warum brauchen wir dafür die Natur?

Wenn wir in der Natur umherwandern, insbesondere im Wald, befinden wir uns in unserem evolutionären Zuhause, in dem auch ohne uns schon unglaublich viel Kommunikation stattfindet. Wenn wir einsinken in diesen lebendigen Ort, werden wir ein Teil von ihm. Und dabei können wir gewiss sein, dass wir bedingungslos und vollständig angenommen werden, so wie wir sind. Niemand verurteilt oder bewertet uns, niemand erwartet etwas von uns. Sind wir davon befreit, können wir viel leichter unser Herz öffnen und die „Botschaften“ können fließen.